Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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24.2.2006

Cover: Die Frau des Zeitreisenden

Die Frau des Zeitreisenden - Die US-amerikanische Autorin Audrey Niffenegger erzählt die Geschichte der lebenslangen Liebe zwischen Henry und Clare. Als Clare den Mann ihres Lebens kennelernt, ist sie sechs Jahre alt, er ist vierzig. Aus dem chronologischen Widerspruch, dass Henry seine Clare bereits im Alter von 28 Jahren trifft, als sie ihrerseits zwanzig ist, macht dieser fantasievolle Roman eine fantastische Erzählung.

Die Ursache des Widerspruches ist simpel, wenn auch ungewöhnlich: Henry leidet an einer genetischen Anomalie, die ihn zum ersten Mal als Säugling aus seiner gegenwärtigen Welt verschwinden, irgendwann und irgendwo anders auftauchen und nach kurzer Zeit wieder in sein ursprüngliches Raum-Zeit-Gefüge zurückkehren lässt. Dieser ersten Zeitreise verdankt Henry sein Leben, denn genau im Moment seines Verschwindens verstirbt seine Mutter in einem furchtbaren Verkehrsunfall. Sein gesamtes Leben über springt der Protagonist der Geschichte sporadisch und gegen seinen Willen in die Vergangenheit oder Zukunft, in Zeitpunkte und an Orte, die nicht vorhersehbar sind, sich jedoch in vielen Fällen als wichtig für Henrys gesamtes Leben erwiesen.

Ziele und Begleitumstände solcher Zeitreisen sind häufig äußerst unangenehm, aber einer seiner Sprünge in die Vergangenheit führt ihn zielsicher auf das weitläufige Grundstück der Abshires, wo er der sechsjährigen Tochter der Familie, Clare, begegnet. Das Mädchen akzeptiert die Unmöglichkeit der Situation mit der radikalen Lernbereitschaft eines Kindes, und im Laufe der folgenden zwölf Lebensjahre Clares reist Henry unzählige Male zurück in der Zeit zu seiner heranwachsenden Clare. Die chronologischen Ursprünge dieser Besuche liegen in unterschiedlichen Altersepochen Henrys, aber stets zu Zeiten, als er und Clare bereits ein Ehepaar sind.

Der Roman besteht aus Tagebucheinträgen, die wechselseitig Clares und Henrys Sichtweisen wiedergeben. Es liegt in der Natur der Erzählung, dass die chronologische Folge der Einträge nicht eingehalten wird. Der Leser ist gut beraten, sich beim Lesen die Angaben zu Jahreszahl und Alter der Protagonisten in den Kapitelüberschriften einzuprägen, um den Überblick nicht zu verlieren. Nur dann gerät er in den vollen Genuss, die Brillanz zu goutieren, mit der Niffenegger die Komplexität der Zeitreisen Henrys und deren logischer Konsequenzen auflöst. Das gesamte Konstrukt des chronologischen Hin und Her ist hervorragend durchdacht und wird meisterhaft erzählt. Insofern gibt Die Frau des Zeitreisenden eine Romanhandlung ab, die den Leser geradezu hineinsaugt in eine Liebesgeschichte, die oftmals äußerst romantisch, manchmal erotisch, aber stets tief bewegend ist.

Abgesehen von dieser Herz erwärmenden Erzählung über Clare und Henry und ihrem Ringen um eine gemeinsame Zukunft, kann man die Geschichte durchaus auch als Metapher sehen für die Möglichkeiten und Grenzen von Liebesbeziehungen. Tatsächlich formuliert Audrey Niffenegger mit Die Frau des Zeitreisenden eine in meinen Augen erstaunlich klare Botschaft: Wie sehr man sich in auch bemühen mag, Fehler vorauszuahnen und sein Verhalten daran zu optimieren, der Lauf der Dinge wird sich nicht grundsätzlich ändern. Auch in die eigene Vergangenheit gerichtete Wünsche, bestimmte Dinge anders angegangen zu haben, sind wertlos. »Ach, hätte ich doch damals …« ist eine sinnlose Vorstellung, die man sich und vor allem dem Lebenspartner ersparen kann.

Den Charme der Erzählung macht vor allem die Fähigkeit der Autorin aus, den außergewöhnlichen Plot in ein realistisches und liebenswertes personelles Gerüst einzuweben. Die Eigenschaften und Defekte der beiden Protagonisten, ihrer Familien, ihrer Freunde und ihrer Kollegen ergänzen auf perfekte Weise die unerhörten, ja unglaublichen Geschehnisse um einen Mann, der ständig in eine andere Zeit verschwindet. Niffenegger gelingt ein Balanceakt zwischen Fiktion und Alltag, der nur sehr selten langweilig wird und fast durchgehend seinen Spannungsbogen beibehält.

Zu Beginn der zweiten Hälfte hat der Roman einige Längen, Szenen, auf die man verzichten könnte. Auf Plattheiten wie die Finanzierung des Familienlebens von Clare und Henry durch einen Lottogewinn, den eine Zeitreise in die Zukunft problemlos ermöglicht, wartet so mancher Leser wohl von Beginn an. Und tatsächlich: er steht nach einiger Wartezeit tatsächlich auf dem Programm. Statt solcher Banalitäten hätte ich mir zum Beispiel ein wenig mehr Substanz für Clares Leben nach Henrys Tod gewünscht. Diese Epoche bleibt mir zu blass und leidet darüber hinaus am Mangel an Erklärungen zu bestimmten Handlungskonstrukten, die vordergründig wichtig zu sein scheinen, aber schließlich abrupt beendet werden. Warum gelingt es dem Henry aus der Vergangenheit nicht, seine Clare nach seinem Tod in der Zukunft zu besuchen?

Fazit: Wieso gibt es nicht mehr Science Fiction dieser Art? Fiktiv ist die Geschichte sowieso, wissenschaftlich ist sie auf Grund der medizinischen Erläuterungen zu den Zeitreisen. Science Fiction also, aber nicht der übliche Quatsch über Supermänner oder futuristische Supergaus, sondern fiktive Überzeichnung normaler Menschenleben. Abgesehen von einigen Hängern und wenigen Ungereimtheiten fesselt Die Frau des Zeitreisenden in einem Maß, das mir auf jeden Fall und locker vier von fünf möglichen Sternen wert ist.

Audrey Niffenegger: The Time Traveler's Wife
MacAdam/Cage Publishing, 2003

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