Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
Sieh dich in der folgenden Auswahlliste nach Buchtiteln um, die dich interessieren könnten. Ich hoffe, es ist auch für dich etwas dabei.

Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da du CSS deaktiviert hast, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, musst du leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte verzichten. Der Textinhalt ist allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


7.3.2006

Cover: Der Schatten des Windes

Der Schatten des Windes - Der spanische Autor Carlos Ruiz Zafón schafft mit seinem fünften Roman ein erstaunliches Konstrukt aus Thriller, einer mystischen Literaturgeschichte, aus Aufarbeitung der Nachwehen des spanischen Bürgerkrieges, der Liebeserklärung an seine Geburtsstadt Barcelona, und der immer wiederkehrenden Geschichte von Liebe, Sex, Freundschaft und Verrat. Der Schatten des Windes bedient verschiedenste Leseinteressen und ist schon allein deshalb eine Empfehlung wert.

Carlos Ruiz, 1964 in Barcelona geboren und seit 1994 in Los Angeles ansäßig, legt seinen Roman rekursiv an, so wie etwa schon Cornelia Funke ihr Tintenherz. Der Protagonist und Ich-Erzähler Daniel Sempere wächst in den Jahren nach Ende des spanischen Bürgerkriegs in Barcelona auf. Im Alter von zehn Jahren macht er die Bekannschaft des Romans Der Schatten des Windes eines unbekannten Autors namens Julián Carax, so muss man es schon formulieren. Daniel findet das Buch im »Friedhof der Verlorenen Bücher«, einer sagenhaften Sammlung zehntausender Bände längst vergessener Literatur, die irgendwo in der Altstadt der katalanischen Metropole versteckt ist und nur einer verschworenen Gemeinschaft Bibliophiler zugänglich ist. Die Romangeschichte zieht den Jungen so sehr in ihren Bann, dass er sich anschickt, mehr über dessen Autor herauszufinden. Im Laufe der darauffolgenden zehn Jahre gerät Daniel in einen Strudel von Ereignissen, die aus dem Leben Julián Carax' gegriffen zu sein scheinen. Geradezu frappierend gleichen sich die persönliche Entwicklung, die Freundschaften und Liebesbeziehungen Daniels mit denen Juliáns. Das Gestrüpp aus all den handelnden Figuren zweier Generationen – der Juliáns und der Daniels – verdichtet sich zunächst zu einem schwer überschaubaren Personalkomplex.

Die Duplizität der Geschehnisse scheint an den Haaren herbeigezogen zu sein. Auch das plötzliche Auftauchen einer der Romanfiguren Carax' auf der zweiten Romanebene im Leben von Daniel, lässt den kritischen Leser die Stirne runzeln und an ein Plagiat der Figur des Schurken Capricorn aus dem bereits angesprochenen Tintenherz denken. Bedenken in Bezug auf Authentizität erhalten zusätzlich Nahrung, wenn der Leser erfährt, dass der teuflischen Laín Coubert stets aufgerollte Seiten von Büchern raucht; wer denkt dabei nicht unwillkürlich an die grauen Männer aus Michael Endes Momo?

Und doch gelingst es Carlos Ruiz, im Laufe der Geschichte die Bedenken der kritischen Leserschaft zu zerstreuen. Die Handlung nimmt Fahrt auf, als Daniel Sempere den pittoresken Fermín Romero de Torres kennenlernt. Der Tausendsassa mit dem Namen eines Stierkämpfers treibt die Geschichte voran und ist darüber hinaus Quell der Weisheit und Lebenserfahrung, sowie ein begnadeter Aphoristiker. Der Autor lässt seinen Fermín am laufenden Band Sätze sagen wie: »Als guter Affe ist der Mensch ein soziales Wesen, und als wesentliche Norm ethischen Verhaltens zeichnen ihn Vetternwirtschaft, Nepotismus, Schwindel und Klatsch aus.« Oder eine meiner Lieblingsformulierungen: »Armee, Ehe, Kirche und Bankwesen: die vier apokalyptischen Reiter« – Manchem Leser mag die saftige, kraftvolle Ausdrucksweise Fermíns zu derb geraten scheinen, mir hat sie gefallen.

Zur Romanhandlung soll nicht viel gesagt werden, um nichts vorweg zu nehmen. Nur so viel: Auf den ersten gut hundert Buchseiten behandelt der Autor die Jahre 1945 bis 1953, in denen Daniel vom Zehnjährigen zum jungen Mann heranwächst. Der Großteil der Geschichte spielt im Anschluss daran im Jahre 1954. Je mehr der neuzehnjährige Daniel mit der Hilfe Fermíns über Julián Carax herausfindet, desto verworrener werden die Parallelen und Verbindungen zwischen ihm und Carax zunächst. Im Laufe der Zeit aber kommt tatsächlich Klarheit und beachtliche Logik in die Geschehnisse. In einem wiedergefundenen Brief lässt Ruiz eine enge Freundin Carax' erzählen, was tatsächlich in den mehr als zwanzig vergangenen Jahren geschehen war.

Die Geschichte, die der Autor Faden für Faden vor dem Leser aufdröselt, ist ganz nett und vor allen Dingen spannend erzählt. Echte Qualität jedoch zieht der Roman aus dem Lokalkolorit und der Beschreibung der gesellschaftlichen Situation in den Jahren nach dem spanischen Bürgerkrieg. Schmierige und ruchlose Kriegsgewinnler, etwa der Polizist Fumero, werden ebenso präzise und in aller logischen Konsequenz beschrieben wie die Verlierer, am deutlichsten verkörpert durch Fermín, einen ehemaligen Beamten, der nach Kriegsende als Verbrecher gejagt und gefoltert wurde. In die gleiche Kategorie fällt auch die Nebengeschichte des homosexuellen Uhrmachers des Stadtviertels, dessen zur damaligen Zeit unschicklichen Neigungen von der Gemeinschaft der Nachbarn zwar mit beinahe liebevollen Umschreibungen toleriert werden, der aber von der Polizei bei der ersten sich bietenden Gelegenheit eingesackt und um ein Haar umgebracht wird.

Apropos liebevoll: Dem gesamten Text merkt man die Verbundenheit und Liebe des Autors zu seiner Heimat an. Winzige Details am Rande, wie die grammatische Neigung der Katalanen, Vornamen stets den Artikel voranzustellen, sprechen in der Summe doch Bände. Wer die Stadt Barcelona kennt und liebt, wird in Der Schatten des Windes eine Lektüre finden, die er immer wieder zur Hand nehmen wird wollen, um sich von Ruiz' Schilderungen einfangen und in die Vergangenheit zurückversetzen zu lassen. Darin liegt der stärkste Zauber des Romans; er ist eine in besonderem Maße gelungene Momentaufnahme einer wunderbaren Stadt zu einem Zeitpunkt, der für Spanien einen historischen Wendepunkt markierte.

Fazit: Der Schatten des Windes ist ein bemerkenswerter Wurf des Autors Carlos Riuz Zafón, eine gelungene und äußerst unterhaltsame Melange verschiedener literarischer Genres, wie sie ja in der jüngeren Vergangenheit zunehmend in Mode geraten. Trotz einiger plagiatorisch anmutender Elemente überzeugt der Roman in seiner Gesamtheit durchaus und zeigt deutlich seine Stärken im Einbinden der Handlung in den historischen Hintergrund. Für mich persönlich, als Liebhaber Barcelonas, gehört das Buch zu den absoluten Glanzlichtern meines Bücherregals, vier von fünf Sternen wären in meinen Augen eigentlich das Minimum. Aber im Interesse weniger verblendeter Leser reduziere ich die Einstufung von Ruiz' Roman auf wenigstens drei ganz dicke Sterne.

Carlos Ruiz Zafón: La sombra del viento,
Planeta, 2001

*****