Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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26.5.2006

Cover: Die dunkle Seite der Liebe

Die dunkle Seite der Liebe - Entlang einer blutigen, Generationen übergreifenden Fehde zwischen zwei Christenfamilien erzählt Rafik Schami, der in Damaskus geborene und seit 1971 in Deutschland lebende Autor, seine Geschichte über seine Heimat Syrien, eine Geschichte über Religionen; über Liebe und Feindschaft, die mehrere Jahrzehnte überdauert; und über die Folge von Herrschaft und Unterdrückung, die das Land zwischen Libanon, Israel, Jordanien, dem Irak und der Türkei ein Jahrhundert lang erduldet hat.

Eingepackt hat Schami seine Geschichte in eine wenige Seiten lange Rahmenhandlung: Der Damaszener Kommissar Marudi versucht Ende der sechziger Jahre, den misteriösen Mord an einem Offizier namens Mahdi Said aufzuklären. Nach wenigen Buchseiten wird die Handlung jedoch verdrängt durch eine orientalische Erzählflut, die sich mit den beiden Familienclans der Schahins und Muschtaks beschäftigt und darüber hinaus auf allerlei Geschehnisse übergreift, die sich im regionalen und zeitlichen Kontext zu den Familienchroniken ereignen. Tatsächlich habe ich gegen Ende des Romans ein paar Seiten gebraucht, um zu begreifen, dass die Handlung wieder bei den anfänglichen Ermittlungen im Mordfall Said angelangt war, der in diesem Moment im Licht der Romanereignisse eine ganz andere, folgerichtige Bedeutung erlangt hatte. Viel Zeit und Raum bleiben Marudi nicht; obwohl seine Ermittlungen in die richtige Richtung führen, findet seine Geschichte vorzeitig durch Eingriff der Obrigkeit ihr Ende.

Im letzten Kapitel ergreift Rafik Schami persönlich das Wort und schreibt aus der eigenen Sicht über die Entstehungsgeschichte und das historische Umfeld seines Romans. Der Leser erfährt, dass die Personen des öffentlichen Lebens, die in der Geschichte auftreten, zwar verfremdet und überzeichnet wurden, jedoch durchaus ihre Gegenstücke in der realen syrischen Geschichte widerspiegeln. Auch über das immer wiederkehrende Personal seiner Geschichten informiert der Autor im Nachhinein. — Ich hätte das letzte Kapitel lieber vor der Lektüre des Romans gelesen, vielleicht als Prolog. Es verrät inhaltlich nichts, gibt aber Hinweise, die beim Lesen an mancher Stelle sehr nützlich gewesen wären.

Auf den Innenseiten des Bucheinbandes befinden sich die Stammbäume der beiden syrischen Familienclans der Muschtaks und der Schahins. Das ist auch gut so. Denn ohne den ständigen Zugriff auf dieses geordnete Namenslexikon wäre der Leser bereits nach dem ersten Zehntel des Romans hoffnungslos verloren. Über beinahe neunhundert Seiten erstreckt sich die Geschichte, die uns Rafik Schami erzählt, weitschweifig in der Tradition orientalischer Erzähler und immer tiefer in geschachtelte Hintergrundereignisse versinkend – so als würde er vor den Augen der Leser eine Matrjoschka Schachtelpuppe auseinandernehmen –, um dann doch wieder zielstrebig zum ursprünglichen Faden der Handlung zurück zu finden. Allein schon durch solche Rücksprünge gelingt es Schami, die Leserschaft zu verblüffen, die den Ausgangspunkt längst aus den Augen verloren hat.
Die dunkle Seite der Liebe gibt es auch als Hörbuch auf 21 CDs. Ich kann mir allerdings beim besten Willen nicht vorstellen, dass man beim bloßen Zuhören – ohne die Möglichkeit zurückzublättern oder in den Stammbäumen nachzuschlagen – den Geschehnissen auch nur annähernd folgen kann.

Kurzfassung der Geschichte in der Geschichte: Nur kurze Zeit nach der Ankunft Georg Muschtaks im Bergdorf Mala im Jahr 1907, verfeindet er sich mit Jusuf Schahin. Beide Familien nehmen den Streit zwischen den Patriarchen auf, der sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer Blutfehde zwischen den beiden einflussreichen Familienclans ausweitet. Der Leser versteht letztlich, warum zwei Generationen später die Liebe zwischen Farid Muschtak und seiner Rana aus der Schahinfamilie unmöglich ist.

Aber Rafik Schami gelingt es nicht nur, der europäischen Leserschaft die fremde, arabische Kultur samt deren Wertvorstellungen zu vermitteln. Meisterlich flicht er Parallelen und Gegensätze, Mit- und Gegeneinander der Religionen im Nahen Osten ein, erklärt die arabische Politik, die zu Kriegen mit Israel ebenso wie zum vorübergehenden Zusammenschluss zwischen Syrien und Ägypten führte, schildert das Leben in den Grenzregionen am Golan, kommt jedoch immer wieder auf das Leben in seiner geliebten Heimatstadt Damaskus zu sprechen.

Zur Geschichte Syriens

Nach dem blutigen Massaker an Christen, das sich im Jahr 1860 in Damaskus ereignete, wurde Syrien ohne den Libanon dem Sultan in Istanbul unterstellt. 1918 vertrieben die Haschemiten und Lawrence von Arabien die Osmanen aus Damaskus. Faisal I. errichtete 1920 ein unabhängiges arabisches Königreich, wurde jedoch von Frankreich gestürzt. Französische Truppen besetzen Syrien im Auftrag des Völkerbundes bis ins Jahr 1939. Militärisch bleiben die Besatzer jedoch bis 1946 präsent, weichen erst massiven internationalen Drohungen.

Am 17. April 1946 wird die Syrische Arabische Republik ausgerufen, zwölf Jahre später, am 1. Februar 1958 schließen sich Ägypten und Syrien nach einem internen syrischen Konflikt zwischen Ba'ath-Partei und Kommunisten zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) zusammen. Die panarabische Republik wird jedoch bereits nach drei Jahren, im September 1961 durch Putsch syrischer Offiziere beendet. Nach erneutem Putsch erlangt 1963 die Ba'th-Partei die Macht; die »Arabische Sozialistische Partei der Wiedererweckung«.

1967 verliert Syrien im Krieg gegen Israel den Golan. Bis heute regiert jedoch in Syrien – im Gegensatz zum Irak, wo 2003 der Ba'ath-Präsident Saddam Hussein von den USA abgesetzt wurde – die Ba'ath-Partei, derzeit unter dem Präsidenten Baschar al-Assad.

Tatsächlich ist es kaum möglich, in knappen Worten zu sagen, wovon Die dunkle Seite der Liebe handelt. Natürlich gibt es auf oberster Ebene den Mordfall. Darunter gelagert ist diese schier unendliche Familiengeschichte, die in der unmöglichen Liebe Farids zu Rana gipfelt. Wieder eine Ebene tiefer angesiedelt sind politische Bekenntnisse und deren Folgen, die die handelnden Personen erleiden. Aber all diese Ebenen finden ihre Ausprägungen letztlich auf den staubigen Straßen syrischer Orte, oder noch viel häufiger in den Betten verliebter und liebender Syrer. Von den selbst gebauten Tretrollern auf den Straßen des Stadtviertels bis in die Kemenate einer liebeshungrigen Damaszenerin ist es nur ein kurzer Weg.

Auffällig ist, dass der Autor dem Sexualleben all seiner Figuren großes Gewicht beimisst. Wo einerseits nach außen bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein und wahrscheinlich auch heute noch strengste Moralgesetze gelten, handeln im Verborgenen doch alle Akteure im Sinne ihrer sexuellen Neigungen und Verbindungen. Es wimmelt in all den Geschichten und Hintergrundgeschichten nur so von untreuen Ehepartnern und Verhältnissen, Vergewaltigungen und Schändungen, unehelichen Verbindungen und Kindern. Nicht einmal Farid, dem naiven, aber grundanständigen Protagonisten, gelingt es, seiner geliebten Rana alle neunhundert Romanseiten hindurch treu zu bleiben.

Die dunkle Seite der Liebe — So nebulös und wenig greifbar der Titel des Romans zunächst erscheinen mag, so vielfältige Interpretationsmöglichkeiten eröffnen sich im Laufe der Geschichten. Dunkel können die Folgen unterdrückter oder fehl geleiteter Liebe sein. Dies gilt in den Hunderten von Beziehungen der auftretenden Personen ebenso wie für die Liebe zu politischen Richtungen und Ausprägungen.
Ebenso gut mag man aber den Titel auf die Gefühle des Autors zu seiner Heimat anwenden. Denn dessen Liebe zu Syrien und den Syrern wird überschattet von behördlichen Nachstellungen und Berufsverboten, die Schami dazu zwangen, nach Deutschland auszuwandern und in Heidelberg statt in Damaskus zu leben.

Fazit: Genau wie der Roman Rot ist mein Name ist Die dunkle Seite der Liebe ein Feuerwerk orientalischer Erzählkunst. Auch wenn der Leser durch Verwicklungen und Verstrickungen der Handlungsebenen Mühe hat, den großen Linien des Buches inhaltlich zu folgen, will ich die Lektüre dennoch jedem ans Herz legen, der gerne zuhört und die Möglichkeit zu staunen dem akribischen Verfolgen von Handlungssträngen vorzieht: Einfach fallen lassen, eintauchen und mit offenem Mund all den herrlichen Geschichten lauschen! Für wunderbare Unterhaltung, einschließlich hervorragend kaschiertem Geschichtsunterricht hätte ich gerne vier Sterne vergeben. Weil aber die Geschichte doch enorm unübersichtlich ausgefallen ist, sind es eben nur drei von möglichen fünf geworden. Drei plus, immerhin.

Rafik Schami: Die dunkle Seite der Liebe,
Carl Hanser Verlag, 2004

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