Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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19.1.2007

Cover: Nur die Liebe bleibt

Nur die Liebe bleibt - Der Erfolg ihres Romandebuts Irgendwo in Afrika hat die Autorin Stefanie Zweig beflügelt. Nach der Verfilmung der autobiografischen Geschichte um die jüdische Familie Redlich, die sich der Verfolgung durch die Nationalsozialisten im deutschen Oberschlesien durch Auswandern nach Kenia im Jahr 1938 entzieht, hatte sie mit Irgendwo in Deutschland und Owuors Heimkehr bereits zwei Romane zum gleichen Thema nachgelegt. Nur die Liebe bleibt ist nun ihr dritter Folgeroman zur eigenen Lebensgeschichte. Darin konzentriert sich Stefanie Zweig auf die Umstände und den Ablauf der Flucht, die Familienvater Walter Redlich mit einer Bahnfahrt nach Genua und einer anschließenden Schiffsreise nach Kenia antritt. Seine Frau Jettel und die Tochter Regina – das Alter Ego von Frau Zweig – folgen ihm später über Hamburg und Mombasa. Der Aufenthalt in Afrika selbst spielt in diesem Roman eine untergeordnete Rolle, die Geschichte endet schließlich mit dem Beginn der Rückreise nach Deutschland im Jahr 1947.

Einen Großteil der Romanhandlung platziert Stefanie Zweig in Zugreisen, die sie nach einem stets gleich bleibenden Schema konstruiert: Zu Beginn reist der verzweifelte Walter Redlich nach Genua – unverhofft begleitet von seinem Vertrauten Josef Greschek. Ihre eigene Ausreise treten danach Jettel und Regina im Zug nach Hamburg an – gemeinsam mit der Mutter und Großmutter Ina. Diese Reiseetappe findet ihre Fortsetzung unter Auslassung der Schiffsfahrt im Zug von Mombasa nach Nairobi, in dem die beiden Redlich-Frauen erste Bekanntschaft mit Afrika machen – personifiziert durch den überaus freundlichen Abteilkellner. Weitere Zugfahrten führen Regina aus ihrem Internat nach Hause zur Farm in Ol' Joro Orok – auf der sie einen zwielichtigen, weißen Geistlichen kennenlernt, sowie ihren Vater von Nairobi ins englische Militärcamp Ngong – in Begleitung von drei seiner Kameraden. Zwischenzeitlich begleitet der Leser erneut Greschek im finsteren Nazideutschland auf einer beklemmenden Zugfahrt nach Breslau – auf der er eine überaus sympathische Frau kennenlernt, der er jedoch nicht zu trauen wagt; man traut im Nazideutschland niemandem mehr. Schließlich endet der Roman mit der Abfahrt des Zuges von Nairobi, als die Redlichs zurück nach Deutschland aufbrechen und Kenia hinter sich lassen.

In die Zugabteile hinein und auf die Bahnsteige projiziert die Autorin die jeweiligen regionalen und politischen Umstände: Furcht, die Deutsche jüdischen Glaubens erleben müssen, manifestiert sich in liegen gelassenen Zeitungen und den Auftritten mitfühlender oder missgünstiger Mitreisender; Afrika erlebt man über das freundliche, farbige Zugpersonal, Bettler auf den Bahnsteigen, oder Affenhorden am Rande der Gleisstrecken. Die Konzentration auf Zugfahrten verleiht der Geschichte darüber hinaus etwas Rastloses, Vorübergehendes, das sich letztlich widerspiegelt im Titel des Romans: Tatsächlich bleibt den Redlichs letzten Endes eben "nur die Liebe" …

Zu den Episoden, die in Afrika spielen, muss angemerkt werden, dass sie inhaltlich ab und zu etwas verloren wirken. Als Beispiel möchte ich die Begegnung Reginas mit dem Geistlichen anführen. In einer flüchtigen Textsequenz schreibt Frau Zweig den Mann bedrohlich wirkende Eigenschaften zu, die jedoch nicht weiter vertieft werden und die Szene unfertig erscheinen lassen. Das mag daran liegen, dass die Autorin Figuren wie eben den Geistlichen bereits in ihrem ersten Roman breiter angelegt hatte. Wer diesen Band gelesen hat, wird sich womöglich an die Hintergründe erinnern. Leser, die – so wie ich – mit Nur die Liebe bleibt in die Serie einsteigen, können ihre Andeutungen leider nicht richtig einordnen. Bei einer ganzen Reihe von Auftritten habe ich mich gefragt, ob die handelnden Person wohl schon bekannt sein müssten.

Solche Szenen verstärken den Eindruck, der letzte Roman könne als Trittbrettfahrt auf den vorausgegangenen Erfolgen Stefanie Zweigs entstanden sein. Denn auch wenn die Reduzierung der Handlung auf Zugreisen als gelungener literarischer Kunstgriff gelten soll, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass diese Einschränkung aus der Not geboren sein könnte, auf irgendeine Weise etwas Neues, etwas Anderes schaffen zu wollen. Mir fehlt insgesamt das Gefühl der Abgeschlossenheit und Eigenständigkeit.

Fazit: Wer einen oder mehrere der Romanvorgänger kennt und schätzt, wird sicher auch am vierten Band von Stefanie Zweig seine Freude haben. Der Autorin gelingt es ein weiteres Mal, die Gefühle der Flüchtlingsfamilie plastisch zu schildern und die Unvorstellbarkeit der Nazigräuel, die Grausamkeit der Entwurzelung nachvollziehbar zu machen. — Ein äußerst lebendiges Zeitzeugnis für alle, die deutsche Geschichte nachzuvollziehen versuchen!
Abgesehen von den genannten Schwächen bietet Nur die Liebe bleibt kurzweiliges Lesevergnügen, dem ich gerne drei von fünf möglichen Sternen angedeihen lassen möchte.


(Ich bedanke mich herzlich bei der Buchhandlung Bollinger für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.)

Stefanie Zweig: Nur die Liebe bleibt,
Langen/Müller Verlag, 2006

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