Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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22.2.2007

Cover: Easter Parade

Easter Parade - Der US-amerikanische Autor Richard Yates wurde 1926 geboren und starb im Jahr 1992. Posthum legt die Deutsche Verlags-Anstalt einige seiner Werke in neuer Übersetzung erneut auf - mit sehr gutem Grund! Easter Parade ist die jüngste dieser Neuauflagen, ein kraftvoller Roman, der zu Zeiten von Yates eigener Lebensspanne spielt und die historischen Hintergründe seines Daseins widerspiegelt. Der Autor erzählt die Geschichte zweier Schwestern, die ihr Leben nach Außen hin annähernd perfekt zu meistern scheinen. Im Laufe der Handlung wird jedoch deutlich, dass längst nicht alles Gold ist, was glänzt.

Sarah Grimes, die ältere der beiden Schwestern verheiratet sich standesgemäß und zieht Kinder groß, die jüngere Emily bleibt unverheiratet und macht Karriere in der Werbebranche. Dem ersten Eindruck nach verwirklichen die zwei Schwestern ihre Lebenspläne ganz nach ihren jeweiligen Vorstellungen und erfüllen darüber hinaus auch die Wunschvorstellungen ihrer an Standesdünkel leidenden Mutter. Doch die so unterschiedlichen Karrieren erweisen sich beide als Sackgassen: Sarahs Eheleben verläuft unter der Oberfläche katastrophal, Emily bezahlt ihre Unabhängigkeit mit dem Preis der Einsamkeit; beide Schwestern suchen schließlich Trost im Alkohol.

Obwohl die Romanhandlung ein paar Jahrzehnte in der Vergangenheit liegt, hat sie bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Yates schildert zwei beklemmende Frauenschicksale in beeindruckenden, klaren Bildern. Darüber hinaus weist seine Geschichte deutlich autobiografische Züge auf.

Von Beginn an lässt Richard Yates seine Leser nicht im Zweifel über die Parallelen zwischen den Grimes-Schwestern und seinem eigenen Schicksal. Sowohl die beiden Frauen, als auch er selbst und seine Schwester Ruth wachsen vor dem Hintergrund geschiedener Elternehen bei ihren Müttern auf – aus der Mutter »Pookie« in Yates eigenem Leben wird im Roman »Dookie«; beide Restfamilien leben ein Nomadenleben, ziehen ständig um; sowohl Yates selbst, als auch seine Romanfigur Emily verbringen einige Jahre in den Metropolen Europas; sowohl der Autor, als auch seine Protagonisten zweifeln an der eigenen Existenz, den eigenen Fähigkeiten und werden zu Alkoholikern.

Richard Yates schreibt mit zunehmender Erzähldauer immer unverhohlerner aus der Sicht der jüngeren Schwester Emily. Im Laufe der Geschichte wird schließlich klar, dass er in der Figur der Emily sein eigenes Leben wiedergibt. Zwischenzeitlich jedoch vertieft er seine verzeifelten Erfahrungen als Schriftsteller in der Person des fiktiven Autors Jack Flanders, einem der Liebhaber Emilys, der stets auf der Suche nach seinem eigenen Können ist. Zum Teil hoch gelobt von Kritikern – genau wie Yates selbst –, gelingt es Flanders nicht, sein Werk auf dem angestrebten Niveau fortzuführen und zu vollenden. Schließlich verlässt Emily im Roman den längst schwer alkoholabhängigen Schriftsteller Jack. Projiziert man diesen Teil der Romanhandlung auf die Wirklichkeit des Lebens von Richard Yates, entsteht ein erschütterndes Bild vor dem Auge des Beobachters: Der hilflose Mensch Emily/Yates gibt sich selbst, dem gestrandeten Autor Flanders/Yates den Laufpass, scheitert also letztlich in vollem Bewusstsein und in der ganzen Tragweite dieser Tatsache am eigenen, fehlenden Selbstbewusstsein.

Fazit: Man kann die schonungslose Aufrichtigkeit dieser komplex strukturierten Selbstdarstellung gar nicht hoch genug werten. Easter Parade ist sowohl in sprachlicher, als auch moralischer Hinsicht ein Meisterwerk und hat einen Ehrenplatz in jeder anspruchsvollen Bibliothek verdient. Der Roman hat die volle Punktzahl von fünf Sternen ohne Einschränkung verdient. — Ein Klassiker im wahrsten Sinn des Wortes.


(Ich bedanke mich herzlich bei der Buchhandlung Bollinger für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.)

Richard Yates: Easter Parade
Deutsche Verlags-Anstalt, 2007

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