Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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2.4.2007

Cover: Dr. Sex

Dr. Sex - Bereits vor zwei Jahren erschien die deutsche Übersetzung von T. Coraghessan Boyles Roman über den Vorreiter der sexuellen Revolution, über Prof. Dr. Alfred C. Kinsey, den seine Mitarbeiter an der University of Indiana schlicht Prok und der Rest der Bevölkerung von Bloomington Dr. Sex nannten. Im April 2007 erschien die Taschenbuchausgabe des Romans, über den ich nun ein paar Worte niederschreiben möchte. Wie bereits in früheren Romanen greift Boyle historische Sachverhalte auf und spinnt rund um die biografischen Aussagen eine persönliche Geschichte, die bekannte Details relativiert und in neuen Blickwinkeln erscheinen lassen.

Nach der Lektüre der Hippiesaga Drop City hatte ich bereits angekündigt, dass jener Roman zwar mein erster, aber nicht mein letzter Boyle gewesen sein sollte. Und wie bereits vor einem Jahr Drop City schlug mich nun auch Dr. Sex in seinen Bann. Die Kinsey-Geschichte erzählt T.C. Boyle aus der Sicht des fiktiven Studenten John Milk. Der junge Mann gehört im Roman zu den ersten Hörern des Sexualforschers und wird zu dessen erstem Projektmitarbeiter. Milk begleitet den Wissenschaftler von den Anfängen der Forschungen bis zu Kinseys Lebensende.

Im Grunde besteht der Großteil der Romanhandlung aus den Abläufen der Interviews und statistischen Erhebungen, die Kinsey und seine Mitarbeiter hauptsächlich in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts in den USA durchführten, um auf deren Basis die berühmt-berüchtigten, ungeschminkten Werke über das Sexualleben der Amerikaner zu verfassen, die längst ihren festen Platz in der wissenschaftlichen Sexualforschung haben. Milk beschreibt die äußerlichen Schwierigkeiten, auf die sie im prüden Amerika stoßen, genauso wie seine persönlichen Probleme, dem Tabuthema Sex die gleiche, nüchterne Objektivität entgegenzubringen wie sein Mentor und Vorgesetzter Alfred Kinsey. Immer wieder, von Anfang bis Ende des Romans entstehen Situationen, in denen die unbewegte, akribische Analytik Kinseys auf gar nicht so wissenschaftliche sexuelle Empfänglichkeit John Milks prallt. Wenn der Student beim Beobachten des Beischlafes zwischen zwei Probanden sexuelle Erregung verspürt, nähert sich der Professor bis auf Zentimeter den kopulierenden Körpern und schwärmt mit klinischer Sterilität von der aus nächster Nähe beobachteten Gefäßerweiterung durch sexuelle Stimulation.

Vollkommen asexuell ist aber auch Professor Kinsey nicht. Doch im Gegensatz zu John Milk und auch zu anderen Mitarbeitern dient ihm die eigene sexuelle Betätigung ausschließlich zum Erfüllen sexueller Funktionen, ob nun im hetero- oder im homosexuellen Umfeld. Auch von seinem Umfeld erwartet Kinsey die vollkommene Lösung von romantischen Empfindungen und forciert diese gar durch Aufforderungen zum Partnertausch: Ganz im Dienste der Wissenschaft bietet er etwa dem unerfahrenen Mitarbeiter Milk die eigene Ehefrau "Mac" – neben Kinsey selbst die einzige reale Romanperson – für dessen erste Begegnung mit dem weiblichen Geschlecht an.

Aber genau diese wissenschaftliche Abgehobenheit lässt der Autor Boyle in seiner Geschichte nicht gelten. Kinsey ist ganz offenbar der einzige, der die geforderte Objektivität in Sachen Sex in jeder Lebenslage vertritt. Nicht nur John Milk, auch Mac, die Ehefrau Kinseys, und die anderen Mitarbeiter sind nicht in der Lage, körperliche Beziehungen auf reine Funktionalität zu reduzieren. So schlittern Milks eigene Frau Iris und sein Kollege Corcoran in eine heftige außereheliche Liebesbeziehung und auch Mac mag sich zwar den Anschein geben, als unterstütze sie ihren Mann voll und ganz; tatsächlich ist aber auch bei ihr mehr Emotion im Spiel, als dies ihr forschungsbesessener Mann gut heißen würde.

Bei Boyle wird Alfred C. Kinsey zum im wahrsten Sinn des Wortes sexbesessenen, messianischen Einzelkämpfer, dem es trotz seiner psychischen Dominanz nicht gelingt, die unmittelbare Umgebung in seinem Sinne zu domestizieren. Letztlich scheitert Kinsey; nicht in erster Linie an der Prüderie der Amerikaner, sondern an der Existenz von gänzlich unwissenschaftlichen Konzepten wie Liebe und Eifersucht. — Wie eng sich dabei der Autor im Roman an biografische Vorlagen hält, vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls aber präsentiert er dem Leser eine folgerichtig aufgebaute Geschichte, ein Sittengemälde der US-amerikanischen Vierzigerjahre, das man begreifen kann, selbst wenn man wie ich zu spät geboren wurde, um auf eigene Erinnerungen zurückgreifen zu können.

Um nach Möglichkeit dem einen oder anderen Fehlgriff ins Bücherregal vorzubeugen, möchte ich hinzufügen, dass die Natur des Themas einige recht explizite Schilderungen sexueller Szenen mit sich bringt. Pornografisch jedoch ist der Roman keinesfalls. Nicht nur die kühle Herangehensweise Kinseys, sondern auch die distanziert geschilderte Erregung John Milks sorgen dafür, dass der Schwerpunkt stets auf objektiver Ebene, jenseits jeder sexuellen Stimulation des Lesers liegt.

Fazit: T.C. Boyle ist mit Dr. Sex eine außerordentliche Geschichte über ein Tabuthema, über eine Tabuperson gelungen, deren Lektüre unbedingt zu empfehlen ist. Sein unerhörtes Erzähltalent sorgt erneut dafür, dass der Leser sich in die Handlung hineinversetzt fühlt und ohne Schwierigkeiten die sehr unterschiedlichen Standpunkte und Annäherungsweisen aller handelnden Personen nachvollziehen kann. Auch wenn ich die Biografie Alfred C. Kinseys nicht kannte – und auch jetzt sicher nicht kenne –, habe ich das gute Gefühl, Geschichte hautnah miterlebt zu haben. Zwar waren mir die Hippies von Drop City persönlich näher als die Sexualforscher um Kinsey; dies gilt in gleichem Maß für die zeitliche Distanz wie für den thematischen Hintergrund. Aber dennoch soll mir auch dieser Roman mindestens drei, eigentlich drei plus von fünf möglichen Sternen wert sein.

T.C. Boyle: Dr. Sex
Deutscher Taschenbuchverlag, 2007

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