Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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2.7.2007

Cover: Die Habenichtse

Die Habenichtse - Katharina Hacker hat für ihren Roman Die Habenichtse den Deutschen Buchpreis 2006 erhalten. Die Autorin studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Freiburg und Jerusalem. Seit 1996 lebt sie in Berlin. Der Roman knüpft an diese geografischen Eckpunkte ihres Lebens an: Der Jurist Jakob und die Grafikerin Isabelle hatten sich Jahre vor dem Einsetzen der Handlung in Freiburg kennengelernt und treffen zu Beginn der Geschichte in Berlin erneut aufeinander. Was damals mit einem Techtelmechtel begonnen hatte, wird in der Gegenwart scheinbar folgerichtig fortgesetzt. Jakob gibt an – oder sollte ich schreiben: gibt vor? – über Jahre hinweg auf seine Zufallsbekanntschaft Isabelle gewartet zu haben. Im Jahr 2001 scheint sich seine Geduld endlich gelohnt zu haben.

Die beiden Protagonisten werden ein Paar. — Happy End zum Romanbeginn? Eigentlich hätte Jakob am 11. September 2001 einen Geschäftstermin im World Trade Center wahrnehmen sollen. Doch um Isabelle auf einer Party einer gemeinsamen Bekannten wieder treffen zu können, plant er seine Verabredung um. An seiner Stelle fährt ein Kollege nach New York, er selbst knüpft zeitgleich an die romantischen Bande der Vergangenheit an. Jakobs Prioritäten erweisen sich nicht nur als lebensrettend, sondern gar als Karriere fördernd; der Kollege kommt beim Attentat auf die Twin Towers ums Leben, Jakob erhält an dessen Stelle die Möglichkeit, eine Stelle bei einem Geschäftspartner in London anzutreten. Seine Isabelle bekommt er als sozusagen Dreingabe, die beiden heiraten und ziehen von Berlin nach London.

Nachdem Isabelle von Ihrer verstorbenen Ex-Chefin auch noch Anteile an deren Firma erbt, scheint der Weg des Paares in eine glückliche Zukunft vorgezeichnet zu sein. Beide sind Anfang Dreißig, ihnen stehen Möglichkeiten offen, von denen andere nur träumen können. — Hätten die beiden es besser treffen können? Zufall oder Schicksal?

Doch wie das eben oft so ist bei Menschen, denen objektiv aus Sicht Dritter betrachtet keine Wünsche mehr offen bleiben, ergreifen Isabelle und Jakob die dargebotenen Chancen nicht. Die junge Frau bleibt unzufrieden, unbefriedigt und verliert sich in Tagträume, in denen Freunde und Freundinnen aus der vorehelichen Vergangenheit auf- und abtauchen als vermeintliche Rettungsanker in ihrem unausgefüllten Leben, die dann aber allesamt doch nicht taugen als Wegweiser in eine glückliche Zukunft. Jakob indessen verliert sich in einer diffusen Verehrung seines neuen Chefs in der Londoner Kanzlei. Um dem Manne nahe sein, oder gar nur keine Chance zu verpassen, ihm begegnen zu können, vernachlässigt er seine Ehefrau und sein eigenes Privatleben in unverständlichem Ausmaß.

An dieser Stelle mag ich die homoerotischen Komponenten des Romans nicht mehr hinten anstellen. Jakobs Chef Bentham ist homosexuell, was möglicherweise anziehend auf Jakob wirkt. Gesagt wird das zwar an keiner Stelle des Textes, aber dennoch spürt der Leser, dass da in Jakob mehr sein könnte als bloße Akzeptanz. Auch Isabelle blickt auf eine im Ansatz entstandene, gleichgeschlechtliche Beziehung zurück. Vor Einsetzen der Handlung hatte eine lesbische Freundin Aktfotos von ihr angefertigt, die Geschichte dieser Aufnahmen lassen zumindest erahnen, dass Isabelle es bedauert haben könnte, dass es damals nicht zu einer expliziten Beziehung gekommen war.

Man merkt schon an meinen vorsichtigen Formulierungen der vorausgehenden Sätze, dass es sich nicht um gesicherte Erkenntnisse aus der Lektüre des Romans handelt. Tatsache aber ist, dass sich auch die beiden Hauptpersonen ihrer erotischen Gefühle nicht sicher sind. Zur Untermauerung möchte ich eine Szene aus dem Londoner Exil anführen, in der Isabelle und Jakob beinahe eine bisexuelle Dreier-Erfahrung mit Allistair machen, einem britischen Anwaltskollegen Jakobs. Die Betonung liegt auf »beinahe«, das Erlebnis scheitert an der Unentschlossenheit der Handelnden, an ihrer Unfähigkeit, Wünsche zu äußern und zu verfolgen.
Nun handelt es sich bei diesem kurzen sexuellen Fragment nicht unbedingt um eine Schlüsselszene. Aber es macht exemplarisch sehr deutlich, worin die charakterliche Schwäche Jakobs und Isabelles besteht. Es illustriert die emotionale Leere der beiden Figuren, die mit einer erstaunlichen und deprimierenden Unentschlossenheit durch ihr Leben gehen. Sie lassen sich dahin treiben und machen ihre Entscheidungen grundsätzlich abhängig von Impulsen aus der Umwelt. Aber selbst wenn sie von Dritten angestoßen werden, macht ihre Unfähigkeit zur Entschlussfindung jegliche Impulsivität zunichte. Der Roman bildet zwei schier unerträgliche Existenzen im Wartesaal des Lebens ab, die an nichts glauben und sich an nichts orientieren können, die beide nicht in der Lage sind, eigene Wertvorstellungen zu entwickeln oder Lebenspläne aufzustellen.

Diese ungeheuerliche Behäbigkeit im Denken und Handeln zeigt sich nicht nur am Scheitern der beschriebenen sexuellen Szene, sondern in allen anderen Aspekten und Handlungssträngen des Romans. Isabelle ist nicht in der Lage, ihre diversen Verehrer – angefangen bei Andras, dem verliebten Arbeitskollegen, bis zum Drogendealer Jim aus der Londoner Nachbarschaft – entweder in die Schranken zu weisen oder aber anzunehmen. Entscheidungen trifft sie in keiner Lebenslage, nicht einmal dann, als Jim gegen Ende der Geschichte ihre Charakterschwäche instinktiv erkennt und bloß legt, Isabelle demütigt, weil er genau weiß, dass sie zu keiner Form der Gegenwehr in der Lage ist.
Gleiches gilt auch für Jakob, der an seinem eigenen Berufsziel zu zweifeln beginnt, aber weder Gegenmaßnahmen ergreift, noch sich einen anderen Weg sucht, und sei es auch nur der, sich seiner Frau zuzuwenden und privates Glück statt beruflicher Erfüllung zu suchen.

Angesichts der lethargischen Verhaltensweise der beiden Hauptpersonen fragt man sich zwangsläufig, wofür die Autorin Hacker die Auszeichnung erhalten hat. Denn zwei weitere Handlungsstränge, die Geschichte um den Drogendealer Jim und die um das Leben der kleinen Sara , bieten auch alles andere als erbauliche Unterhaltung. Jim ist und bleibt bis zum Ende gefangen in den Verhaltensmustern des Kleinkriminellen, der von von seinem Lieferanten ausgenutzt, unterdrückt und getreten wird. Seine Vorstellung von Lebensglück, einer gemeinsamen Flucht mit Mae, der Frau seines Herzens, scheitert an seinem eigenen Jähzorn; in einem Anfall von Aufbäumen und Eifersucht prügelt er seine Liebe krankenhausreif und verbaut sich die letzte Option auf die Verwirklichung seines ohnehin kläglichen Lebensplanes.
Eine weitere Steigerungsform der Hoffnungslosigkeit offenbart sich in der Schilderung der Erfahrungen, die das Mädchen Sara durchlebt. An der Schwelle zum Schulalter erlebt sie die Grausamkeit des Vaters, der sie nicht nur prügelt, sondern wie einen Gegenstand behandelt, ihr jegliche Form der Zuwendung verwehrt und darüber hinaus verhindert, dass der einzige Vertraute des Mädchens, ihr Bruder Dave, sich der Schwester annehmen kann. Diese Geschichte der kleinen Sara entwickelte sich für mich als regelrechter Albtraum. Gefangen in einer Fantasiewelt, bettnässend und tagträumend wandelt das Mädchen unaufhaltsam dem Desaster entgegen.

Auch als sich die drei Handlungsstränge mehr und mehr verweben – Jakob, Isabelle, Sara und Jim sind Nachbarn der gleichen Londoner Straße –, ergibt sich kein erlösender Moment, in dem der eine dem anderen etwa als Trittbrett dient, das heraus führen könnte aus dem eigenen Debakel. Selbst die letzte, groteske Begegnung zwischen Isabelle, Jim und Sara folgt dem bereits beschriebenen, programmatischen Ablauf und lässt dem Leser keine Hoffnung auf Linderung. In der Retrospektive erkennt man: Tatsächlich beginnt der Roman mit dem Happy End und endet im Nichts. Verkehrte Welt.

Ein düsteres Werk hat Katharina Hacker abgeliefert. Das kann man gut oder schlecht heißen, je nach eigener Gemütslage, je nach persönlicher Vorliebe. Aber zumindest handwerklich ist der Autorin ein Meisterwerk gelungen, ein ungeheuer dichter, außerordentlich plastischer Roman. Man fühlt sich geradezu hineinversetzt in die Szenen Berlins und Londons; hineinversetzt in die noch nicht lange zurück liegende Zeit nach nine/eleven und vor dem Beginn des Irakkrieges; hineinversetzt in eine Zeit, die vor dem furchtbaren historischen Ereignis Fragen nach Ziel und Wert des Lebens provozierte. Hacker konfrontiert den Leser mit einer Fülle an aktuellen Fragestellungen, etwa nach der Sinnhaftigkeit von Reparation, der Bewertung von Hetero- und Homosexualität, der Identifikation mit Berufs- und Privatleben, nach den Werten der westlichen Zivilisation. Dabei orientiert sich die Autorin nicht an den vorgefertigten Antworten des medialen Mainstreams, sondern zwingt den Leser, selbst genau hinzusehen, sich selbst eine Meinung zu bilden.

Garniert wird die Geschichte mit verschiedenen Randnotizen, die dem Leser nicht unbedingt fremd sind und durchaus zur Selbstidentifikation beitragen. Als Beispiel möchte ich die Metapher des Schuhwerks anführen. Von Beginn an lässt Frau Hacker ihre Figuren neue Schuhen tragen in Situationen, die Wendepunkte markieren. So erwirbt Jakob zum Studienbeginn robuste Markenschuhe von Bally als Symbol für den Neuanfang. Isabelle besorgt sich vor dem Rendezvous mit Jakob in Berlin neue, teure Schuhe. Und schließlich prophezeit Isabelle den Weg ins Scheitern, als sie bei Ihrer Ankunft im neuen Londoner Zuhause feststellt, sie habe vergessen Schuhe mitzubringen. — Ein wirklich schönes Detail am Rande, das als Illustration der Hingabe dienen soll, mit der Katharina Hacker ihr verbales Gemälde komponiert hat.

Fazit: Gute Unterhaltung möchte ich mit diesem Roman keinem Leser wünschen. Dazu sind die Abläufe der Handlungen durchwegs zu trostlos. Man fragt sich, wie es die Personen der Geschichte über sich bringen, an ihrem Leben festzuhalten oder es überhaupt auszuhalten. Aber genau in der zielstrebigen und zwingenden Hinführung zu solchen Fragestellungen liegt der Verdienst der Autorin. Wer sich anleiten lassen mag, über Sinn und Unsinn des Lebens nachzudenken, dem sei der Roman dringend empfohlen. Obwohl mich die Lektüre oftmals an den Rand des Aufgebens geführt hat, möchte ich den Habenichtsen vier von fünf möglichen Sternen verleihen.

Katharina Hacker: Die Habenichtse
Suhrkamp Verlag, 2006

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