Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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10.7.2008

Cover: Die Mittagsfrau

Die Mittagsfrau - Bücher, die mit Preisen ausgezeichnet werden, sind – vor allem dann, wenn sie aus den Federn bis dahin wenig bekannter Autoren stammen – der aufmerksamen Kritik aller etablierten Rezensoren in besonderem Maße ausgesetzt. Dies gilt auch für Die Mittagsfrau von Julia Franck, die für ihren Roman den Deutschen Buchpreis 2007 erhalten hat.

Im Blätterwald der Feuilletons von der FAZ bis zur Zeit werden der Autorin stilistische Schwächen und der Hang zu Geschwülsten in der Formulierung bescheinigt. Das Niveau, das Franck auf den ersten Seiten erreiche, so heißt es, flache mit zunehmender Handlung immer mehr ab. Die Figuren seien überzeichnet, das Vokabular aufbauschend. Solch institutionalisiertes Infragestellen erlaube ich mir einmal zu relativieren. Es mag ja sein, dass Frau Franck hohem stilistischen Anspruch in ihrem Roman nicht durchgängig gerecht wird. Allerdings halte ich es durchaus für legitim, das Hauptaugenmerk der Leserschaft auf die Leistung der Autorin zu lenken, die an ganz anderer Stelle als der formalen zu suchen ist.

Oberflächlich betrachtet bedient Julia Franck das aktuelle Interesse des Publikums an historischen Lebensläufen des vergangenen Jahrhunderts, speziell aus der Zeit des Nationalsozialismus. Sie portraitiert das Leben der Helene Würsich von der Zeit des beginnenden Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Auf 423 Buchseiten wird aus der Tochter einer jüdischen Mutter und eines deutschtümelnden Vaters eine unabhängige junge Frau, die die schwierigen Jahre zweier Kriege überlebt.

Zur Handlung: Das Kind Helene reift rasch, bedingt durch die Abwesenheit des Vaters während des Ersten Weltkrieges und durch die Unfähigkeit der Mutter, sich und ihre beiden Töchter durch die Kriegszeiten zu bringen. Ihre ältere Schwester Martha sorgt für finanzielle Einkünfte, während die jüngere Helene das Familiengeschäft am Laufen hält. Nach Heimkehr und Tod des Vaters verlassen die beiden Schwestern die psychisch instabile Mutter in Bautzen, um einen neuen Anlauf auf ihr Leben im Berliner Zuhause ihrer Tante zu wagen.
Die Aussicht Helenes auf ein Leben an der Seite des ihrer großen Liebe Carl, einem jüdischen Philosophistudenten, zerschlägt sich mit dem Unfalltod des Partners. Daraufhin entzieht sich das Mädchen den Bedrohungen des erstarkenden Nationalsozialismus durch die Heirat mit dem politisch korrekten, einflussreichen Wilhelm, obwohl sie nichts für den Mann empfindet. Dass diese Ehe scheitern würde, war vorhersehbar. Helene erzieht schließlich den gemeinsamen Sohn alleine in Stettin.
Nach dem Zusammenbruch des Tausendjährigen Reiches und Vergewaltigungen durch russische Soldaten flieht Helene nach Westen. Auf der Flucht trifft die Protagonistin eine zunächst unbegreiflich scheinenden Entscheidung. Sie lässt ihren Sohn Peter – versehen mit Geld und der Adresse eines Onkels – alleine auf einem Bahnhof zurück.

An dieser Stelle – mit der der Roman auf den ersten Seiten einsetzt und an der er nach einer weiten Rückblende auch endet, wenn man vom epiloghaften Abschlusskapitel absieht – und mit diesem verzweifelten Akt wird die eigentliche Geschichte im Roman erkennbar, die oberflächlich angelegte Komplikation der ethnischen Herkunft und die vermeintlich prominente Bedrohung durch die Nazis treten in den Hintergrund. Auf einen Schlag wird klar, worin die wirklichen Probleme Helenes bestehen.
Ihr ganzes Leben lang war die Protagonistin in emotionaler Hinsicht enttäuscht worden. Die Mutter hatte stets untern dem Tod vierer Söhne gelitten und die beiden Töchter abgelehnt. Mit zunehmendem Alter hatte Helene erkennen und hinnehmen müssen, dass ihre Mutter für sie keine Liebe, ja noch nicht einmal Zuneigung empfand. Die Schwester Martha konnte das Manko nicht kompensieren. Zwar fühlte diese sich verantwortlich für ihre jüngere Schwester, scheiterte aber an Überforderung durch familiären Druck und ihrer gleichgeschlechtlichen Orientierung. Auch die Erfüllung einer partnerschaftlichen Beziehung bleibt Helene verwehrt; und obwohl sie stets alle Grausamkeiten des Schicksals hinuntergeschluckt hatte, wird ihr zuletzt die Rechnung des Lebens präsentiert: Sie ist selbst nicht mehr in der Lage, eine emotionale Bindung zu ihrem leiblichen Kind einzugehen.

Fazit: In minutiös gezeichneten Bilden zeigt uns Julia Franck, wie das ist, wenn der Bezug zwischen Generationen verloren geht. Ihr Roman gehört zu denen, die man mehrmals liest, weil man einige Anläufe braucht, um die Entwicklung, das folgerichtige Zerbrechen der Protagonistin zu begreifen. Ein in dieser Hinsicht herausragendes Werk, das auch insgesamt äußerst lesenswert belibt, selbst wenn man einräumt, dass es in der historischen Nebenhandlung wegen der Bedienung vorhandener Stereotypen wenig hergibt. Hinweisen sollte man jedoch noch auf die Hörbuchfassung, die von der Autorin selbst mit ausgezeichnet passender, glasklirrender Stimme vorgelesen wird und ebenfalls eine deutliche Empfehlung wert ist. – Mit vier Sternen ist Julia Franck knapp an der Bestnote vorbeigeschlittert.

Julia Franck: Die Mittagsfrau
Fischer Verlag, 2007

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