Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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20.2.2009

Cover: Der Katalane

Der Katalane - Den jüngsten Roman von Noah Gordon, den Katalanen, habe ich mir beim Autofahren vorlesen lassen. Es ist eine sehr entspannende Angelegenheit, wenn man morgens ins Büro und abends wieder nach Hause tuckert, nebenan auf dem Beifahrersitz Robert De Niro sitzt und mit seiner unverwechselbaren, leicht heiseren Stimme in aller Gelassenheit die Geschichte von Josep Álvarez, dem Sohn eines katalanischen Weinbauern aus dem neunzehnten Jahrhundert, erzählt. Wer könnte da schon widerstehen? — Natürlich benötigt man ein gerüttelt Maß an Fantasie, um De Niro neben sich zu sehen und nicht nur zu hören. Denn tatsächlich, ich gestehe, saß da niemand mit mir im Auto. Und es war auch nicht De Niros Stimme, sondern die seines deutschen Synchronsprechers, Christian Brückner, die aus den Lautsprechern drang. Aber wenn man die Augen hätte schließen können während der Fahrt, dann wäre die Illusion perfekt gewesen. Man fühlte sich beinahe wie Max Bercowicz, der Once Upon a Time in America eine Spritztour mit seinem Kumpel »Noodles« unternahm und sich von ihm bequasseln ließ.

Diese Stimme entschädigt für vieles. Man verzeiht den Leuten von Random House Audio sogar die handwerklichen Fehler, die sie in die Produktion des Hörbuches einfließen haben lassen. Auf dem Cover der CD-Serie heißt es zwar, man habe fachkundige Beratung beim Einsprechen der katalanischen Begriffe und Namen gehabt, tatsächlich aber kräuseln sich sowohl kastilischen Spaniern als auch Katalanen die Zehennägel, wenn De Niro – pardon: Brückner – Begriffe oder die Namen der Jungs und Mädchen aus Santa Eulalia ausspricht, dem Ort, in dem der Protagonist Josep Álvarez aufwächst. Spätestens dann, wenn Josep nach dem Schießtraining seine Waffe zerlegt, einölt und im Boden vergräbt, droht dem Leser ein hysterischer Anfall; den katalanischen Ausruf, der die Szene abschließt, repòs en pau, übersetzt Brückner sofort im Anschluss mit »ruhe in Teilen«. Korrekt hätte der fromme Wunsch in seiner Übersetzung ins Deutsche lauten müssen: »Ruhe in Frieden!« — Weit ist es mit der fachkundigen Sprachberatung bei der Hörspielproduktion nicht hergewesen.

Den Aufhänger zur Geschichte des Weinbauernjungen Josep Álvarez, nämlich die historisch belegte Ermordung des Politikers Joan Prim i Prats, hat Noah Gordon geschickt gewählt. Joan Prim war ein umtriebiger, taktierender, katalanischer Politiker des neunzehnten Jahrhunderts, dem es nach mehreren Exilaufenthalten und verschiedenen militärischen Einsätzen glückte, als Führer der königstreuen Progressisten im Jahr 1869 das Amt des spanischen Ministerpräsidenten zu erlangen. Es gelang ihm schließlich, am 26. November 1870 Amadeus, den Herzog von Aosta, durch die Abgeordneten der Madrider Cortes zum König Spaniens wählen zu lassen. Am 27. Dezember wurde Amadeus I. vereidigt.

Noch am Abend desselben Tages, im Anschluss an eine Parlamentssitzung, wurde Prim in seiner Kutsche von mehreren Männern angehalten. Diese eröffneten das Feuer auf den Ministerpräsidenten, der in umittelbarer Folge am 30. Dezember 1870 verstarb. Die Hintergründe des Attentates wurden nie zur Gänze geklärt, auch wenn republikanische Abgeordnete als Hintermänner des Attentats galten.
 

Von solchen politischen Ränkespielen ist den Jugendlichen im beschaulichen Dorf Santa Eulàlia in der Provinz Barcelona nichts bekannt. Josep hat als zweiter Sohn der Familie Álvarez keine Aussicht auf ein Auskommen. Den kargen Weinberg des Vaters soll der Sitte nach sein Bruder Donat, der Erstgeborene, erben. Nivaldo, ein Freund des Vaters vermittelt Josep als Rekruten an einen paramilitärischen Ausbilder, der ihn und einige Freunde drillt und im Schusswaffengebrauch unterrichtet. Nach Abschluss der Ausbildung schafft der Ausbilder seinen unbedarften Trupp nach Madrid und bringt die Rekruten dazu, die Kutsche Prim i Prats aufzuhalten. Vor den Augen der Jungs erschießen Unbekannte aus dem Hinterhalt den Ministerpräsidenten.

Nach dem Attentat flüchten die entsetzten Jugendlichen, und Josep muss gemeinsam mit seinem Freund Guillem ansehen, wie ihre Freunde als Zeugen des Mordes umgebracht werden. Kopflos fliehen die beiden aus der Stadt. Um die Suche nach ihnen zu erschweren, trennen sie sich; Josep setzt mittellos seine einsame Flucht fort und strandet schließlich im französischen Languedoc bei einem Weinbauern. Dort erlernt er von der Pike auf das anspruchsvolle Handwerk des Weinbaus, bevor er 1874 nach dem Tod seines Vaters auf das heimatliche Gut in Santa Eulàlia zurückkehrt.

Mit seiner Rückkehr endet die Odyssee des Jungen. Von diesem Zeitpunkt an kann ihn nichts und niemand davon abhalten, das Ziel zu verfolgen, das er sich selbst gesetzt hat, nämlich wirklich guten Wein an Stelle des sauren Essigs anzubauen, den sein Vater und die anderen Bauern des Dorfes über Generationen hinweg kultivierten. Alle Hindernisse, die sich Josep in den Weg stellen, beseitigt dieser mit stoischer Ruhe:

Er kauft seinem Bruder den Weinberg ab, kämpft sich unverdrossen durch den Schuldenberg, sorgt für die dauerhafte Wasserversorgung des Dorfes, erledigt ein vandalierendes Wildschwein, baut unbeirrt von hämischen Kommentaren der Nachbarn einen Weinkeller und erweitert seinen Besitz um die Parzelle seines faulen Nachbarn Quim. Nebenbei bringt Josep Rebstöcke auf Vordermann, verbessert Weinkelterei und Qualität seines Rebensaftes und verkauft erfolgreich seinen Wein. Er trotzt dem Drängen seines Bruders, der seinen Besitz zurückhaben möchte, als er den Erfolg Joseps erkennt, und entledigt sich schließlich gar zielgerichtet der Leiche des zurückgekehrten Militärausbilders, der sein neues Leben in Gefahr zu bringen droht. Schließlich heiratet Josep Álvarez María del Mar, seine anfangs störrische Nachbarin, und sieht zuletzt einer aussichtsreichen Zukunft als Qualitätsweinbauer in einer ehemals armen, katalanischen Weinbauregion entgegen.
 

Eigentlich eine langweilige Geschichte, möchte man urteilen; wenn da nicht zwei Umstände wären, die gegen eine so negative Bewertung des Romans sprächen. Zum einen ist da die Erzählkunst des Autors Noah Gordons, die keinen Zweifel daran aufkommen lässt, woran der Erfolg seines Protagonisten Josep liegt. Nur durch seine unerschütterliche Beharrlichkeit auch in Momenten der Krise, durch den unbedingten Glauben an sich und seine Ziele gelingt es Josep Álvarez, sich selbst in aussichtslos scheinender Lage durchzusetzen. Der Mann hat einfach das unwiderstehliche Glück des Tüchtigen!

Zum anderen tragen vor allem die Schilderungen der Technik des Weinbaus und der Weinkelterei zur positiven Grundstimmung des Romans bei. Wenn Josep konsequent neue Verfahren ausprobiert, wenn er seinen Wein verkostet, die Aromen erspürt, dann ist der Leser unbedingt versucht, selbst eine Flasche Wein zu entkorken und parallel zur Lektüre (vermeintlich) fachmännisch zu beurteilen. Die Befriedigung und der Genuss des Weinbauers schlagen durch auf die Leserschaft und lassen sie zu Komplizen des experimentierenden Gutsbesitzers werden. Man gönnt Josep seinen Erfolg nicht zuletzt deshalb, weil man selbst als stiller Genießer und ebenso stiller Teilhaber direkt daneben zu sitzen scheint. Da zur Herstellung eines guten Weines vor allem Ruhe notwendig ist, nimmt man den Magel an spannendem Auf und Ab gerne in Kauf.

Man mag konstatieren, dass ein Quäntchen mehr des historischen Hintergrundes dem Roman nicht schlecht zu Gesicht gestanden hätte. Aber wahrscheinlich hätte die Geschichte dann einen völlig anderen Schwerpunkt erhalten. Denn schließlich hat Josep, der Bauernjunge, der gerade einmal das Lesen und Schreiben erlernen durfte, mit der spanischen Politik überhaupt nichts am Hut. Noah Gordon legt den Schwerpunkt seiner Erzählung auf die persönliche Entwicklung seiner Hauptperson. Und die trifft ihre Entscheidungen nun gerade nicht auf Basis politischer Erwägungen, selbst wenn die Zeiten damals äußerst geschichtsträchtig gewesen sein mussten. Josep ist der ruhende Pol in einer Gesellschaft, die bereits damals verrückt spielte. Trotzdem trifft er seine Entscheidungen nicht unter Abwägung potenzieller Auswirkungen der Politik auf das Leben der katalanischen Landbevölkerung, sondern einzig und allein in Hinblick auf seine persönlichen Ziele. — Diese Einstellung möchte man gerade mit Blick auf die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Ereignisse des angehenden 21. Jahrhunderts dem einen oder anderen durchaus als Grundlage der persönlichen Entscheidungsfindung mit auf den Weg geben.

Fazit: Der Katalane ist ein über weite Strecken unspektakulär konstruierter Roman. Böse Zungen unterstellen, die lahme Handlung und das Fehlen durchgängiger Konflikte sei auf das Harmoniebedürfnis ihres mittlerweile 82-jährigen Autors zurückzuführen. Ob es Noah Gordon mit dieser Geschichte gelingen mag, an die Sensation seines Welterfolges Der Medicus anzuknüpfen, oder ob das Buch nur im Fahrwasser des voraus gegangenen Erfolges überhaupt in die Bestsellerlisten gelangen konnte, das sei dahin gestellt. Es ist zwar durchaus zu befürchten, dass diese in sich ruhende, gemächliche Story von vielen Lesern als langweilig empfunden wird. Diesen Eindruck teile ich jedoch ausdrücklich nicht. Die ruhige Geschichte ist ein Lehrstück dazu, wie man selbst aus ungünstiger Ausgangslage mit durchdachten Entscheidungen seine Ziele erreichen kann, wenn man nur seine Chancen erkennt und zum richtigen Zeitpunkt ergreift. Unbedingt aber stellt der Roman eine Empfehlung für alle Weinfreunde dar, die ich mit insgesamt drei von fünf Sternen bewerten möchte – egal ob als gedrucktes Buch oder als akustisches Hörbuch. — Salut i força al canut!

Noah Gordon: Der Katalane
Blessing Verlag, 2008

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