Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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15.2.2010

Cover: Axolotl Roadkill

Axolotl Roadkill - Eine siebzehnjährige Autorin sollte zum Darling des deutschen Literaturbetriebs gekürt werden. Ihr Romandebüt mit dem Titel Axolotl Roadkill wird als besonders gelungenes Coming-Of-Age-Buch gelobt und in eine Reihe mit Salingers Fänger im Roggen gestellt. Helene Hegemanns Roman wurde für den Leipziger Buchmessepreis nominiert und galt vorab als ausgemachter Jurysieger. Zumindest bis Plagiatsvorwürfe gegen die junge Autorin nicht nur erhoben sondern auch belegt wurden.

Hegemanns Verlag besorgte nachträglich die Rechte an den dreist abgeschriebenen Textsequenzen, die Autorin stellte ihre Vorgehensweise als neue Kunstform auf Basis von Versatzstücken dar, und der bestohlene Autor reagiert gelassen. War die ganze Aufregung also nur ein Sturm im Wasserglas?

Um dies zu beurteilen muss man sich zunächst mit dem Plot von Hegemanns Geschichte befassen. Die sechzehnjährige Mifti, Alter Ego der Autorin, driftet durch die Berliner Bohème, anders kann man die Handlung kaum in Kurzform fassen. Den Schulbesuch verweigert die Protagonistin, verbringt ihre Tage und Nächte statt dessen in einem Lebenskonstrukt zwischen Alkohol, Drogen, E-Mail, Sex und SMS. Mifti wirbelt durch einen Strudel aus Beziehungskisten hetero- und homosexueller Art, den Nachwirkungen von Exzessen und agressiver Ausfälle gegen sich und ihre Umwelt, der dem inneren Spießer im Leser Schwindel bereitet.

Gibt es tatsächlich solche Kinder, die von Eltern und Familie vernachlässigt rumpelfüßig durch ihr erst beginnendes Leben stolpern? Kinder, die mehr oder weniger sehenden Auges, mehr oder weniger ermuntert oder gar getrieben durch ihr Lebensumfeld auf den unvermeidlichen Eklat zusteuern?

Ganz bestimmt gibt es solche Kinder. Aber Helene Hegemann alias Mifti ist sicher keine dieser bedauernswerten Kreaturen. Denn erlebt hat sie bestenfalls – oder besser: glücklicherweise nur einen Bruchteil ihrer Geschichten. Das wird dem Leser spätestens klar, wenn er oder sie sich mit den Inhalten der Plagiatsnachweise beschäftigt (siehe Link oben).
Die viel gerühmte Authetizität der Geschichte ist also bloßer Schein. Dies darf durchaus ein Grund zur Freude sein, steht doch zumindest fest, dass Fräulein Hegemann nicht unmittelbar bedroht ist durch eine Stricherkarriere am Bahnhof Zoo. Andererseits fehlt der Geschichte dadurch Hintergrund und Substanz. Dieser Mangel wird auch nicht besser durch die offenen Hinweise der Autorin auf ihr Kokettieren mit dem Offensichtlichen.
Die vermeintlich kaputte Existenz der Autorin/Protagonistin ist konstruiert, so wie die vieler anderer »interessanter Biografien«, die sich alle letztlich eitel sonnen im schaurig schönen Ruf des Verbotenen, des Absturzes, des Andersseins.

Gelobt wird Helene Hegemann vor allem für ihre »kluge[n], authentische[n] und rasante[n] Sätze. Bang, macht es. Und wieder hat den Leser ein Blitz von hellem Jetzt getroffen« (Peter Michalzik in FR-online.de). Was aber bleibt übrig, wenn man von manchen Stakkato-Passagen weiß und von anderen annehmen muss, dass sie aus fremder Feder stammen?
 

Aus meiner Sicht bleibt nicht mehr viel. — Aber treten wir doch noch einmal einen Schritt zurück. Lassen wir Authetizität und Urheberschaft der Grundgedanken einmal beiseite. Tun wir so, als stamme der Text tatsächlich von Fräulein Hegemann. Was gäbe es dann über Axolotl Roadkill zu sagen?

Ich schicke voraus, dass ich das Buch zweimal gelesen habe. Zum einen deshalb, weil ich fast alle Romane zweimal lese, bevor ich sie hier vorstelle; und zum zweiten in diesem Fall schlichtweg aus dem Grund, dass ich beim ersten Durchgang nicht ganz folgen konnte.
Der Text besteht aus einer Mischung aus Gedankengängen der Protagonistin Mifti, aus Dialogen zwischen Mifti und ihrer Umgebung sowie aus Abschriften von E-Mails und Short Messages, die das Mädchen mit Vater, Bruder, Schwester, Freundin und Geliebten austauscht. Mir fiel es äußerst schwer, zwischen Gedankengängen und Dialogen zu unterscheiden. Viele Sequenzen fließen ineinander über; es ist oft nicht klar, wer welche Sätze spricht, selbst dann nicht, wenn man mitten im Lesen noch einmal zurück springt.

Man mag nun diese Sprunghaftigkeit als gewolltes Merkmal der (hegemannschen?) Jugendsprache loben, mir gibt derlei Durcheinander nicht viel außer einem Gefühl der Verwirrung. Es sei zwar durchaus eingeräumt, dass es im Handlungsstrang der Geschichte – Roman wage ich dazu nicht zu sagen – überschaubare Szenen gibt, in denen eine gewisse Chronologie der Ereignisse erkennbar bleibt. Aber zu oft driftet der Plot ab in alkohol- und drogengetränktes Wabern durch Zeit und Raum, in dem urplötzlich Taxifahrer gefickt werden müssen oder über Stunden oder gar Tage hinweg eine mit Wasser gefüllte Plastiktüte herumgetragen wird, in der sich ein Schwanzlurch namens Axolotl befindet, der dem Buch den Titel gab, aber darüber hinaus keinen unmittelbaren Beitrag zu leisten vermag.
Bang, macht es. Und schon wieder trifft mich so ein Versatzstück aus dem fehlgeleiteten Teenagerleben einer vermeintlich Strauchelnden.

Angesichts der mageren Substanz der Geschichte weigere ich mich, auf einer womöglich vorhandenen Metaebene nach Sinnbildern und großen Hintergründen zu suchen. Ich fühle mich auf unerfreuliche Weise an das Romandebüt von Charlotte Roche aus dem vergangenen Jahr erinnert.

Fazit: Ein weiteres Buch aus der Tastatur einer jungen Frau, das geplant die Konfrontation sucht, das um jeden Preis schockieren will. Dass dieser Versuch nicht gelingt, liegt nicht zuletzt am dilletantischen Plagiat. Die nachgesagte Nachbarschaft zu J.D. Salinger muss unbedingt korrigiert werden: Helene Hegemann steht eher in einer Reihe mit Vertreterinnen der eigenen Generation wie ihrer Landsfrauen Charlotte Roche und Rebecca Martin (Frühling und so), der Norwegerin Edy Poppy (Ragnhild Moe. Die Hände des Cellisten) und der Schwedin Maria Sveland (Bitterfotze), die mit ihren populistisch angelegten Romanthemen bewusst Ängste und Widerstände der Gesellschaft schüren. Mehr als einen von den möglichen fünf Sternen habe ich leider nicht übrig für Axolotl Roadkill.

Helene Hegemann: Axolotl Roadkill
Ullstein Verlag, 2010

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